
Die Entstehung des europäischen Konzertlebens
Im 17. und frühen 18. Jahrhundert war Musik vor allem eine Angelegenheit des Adels. Konzertähnliche Darbietungen dienten als Tafelmusik oder untermalten festliche Anlässe an Höfen und in Adelshäusern. Das musikalische Interesse der Elite galt derweil fast ausschließlich der Oper, für die immense Summen in Dekorationen, Technik und natürlich in Sänger und Orchester flossen. Die „Violons du roi“, das Orchester Ludwigs XIV. unter der Leitung des großen Lully, waren dabei das Maß aller Dinge. Was an den Höfen begann, entwickelte sich zu einem pulsierenden Konzertleben in den europäischen Städten, das breite bürgerliche Schichten erreichte.
Vom Fürstenhof zum Bürgertum: Der Wandel im 18. und 19. Jahrhundert
Im 18. Jahrhundert war es für Künstler entscheidend, vor dem regierenden Fürsten aufzutreten, bevor sie in den hochadeligen Häusern konzertieren konnten. Das ausgehende 18. Jahrhundert brachte mit der Gründung von Konzertgesellschaften und dem wachsenden musikalischen Interesse des aufstrebenden Bürgertums einen völligen Umbruch. Im 19. Jahrhundert wurde das Bürgertum zum entscheidenden Träger eines sich kraftvoll entwickelnden Konzertlebens im heutigen Sinne. Überall in Europas Städten entstanden neben Chorvereinigungen auch sogenannte Liebhaberorchester, die das Musikleben prägten.
Wien: Von der Oper zur Wiener Tonkünstler Societät
In Wien ähnelte die Situation zunächst der in Paris: Die Oper dominierte, und Konzertaufführungen setzten sich nur langsam durch. Meist handelte es sich um Hofveranstaltungen mit geladenen Gästen. Die Gründung der „Wiener Tonkünstler-Societät“ im Jahr 1771 markierte den Beginn regelmäßiger öffentlicher Konzerte. Anfängliche Programme umfassten Oratorien und biblische Historien – quasi Opern ohne Inszenierung. Allmählich etablierte sich die Praxis, Solisten in den Pausen herauszustellen. Auch Mozart wirkte hier als Pianist in den sogenannten Akademien der Wiener Tonkünstler-Societät mit. Der nächste Schritt war die Integration großer Orchesterformen wie Sinfonien, Suiten und Konzerte, was die Programmgestaltung des 19. Jahrhunderts vorwegnahm. Der musikbegeisterte österreichische Hochadel trug wesentlich zur Entwicklung des Wiener Konzertlebens bei. Obwohl diese Veranstaltungen privat waren, dienten sie doch als Vorbild für die sich ab dem frühen 19. Jahrhundert etablierenden öffentlichen Konzerte.
Paris und die Pioniere der Klangkunst
Die Pariser „Concerts spirituels“ starteten im Jahr 1725 als erste europäische Konzertgesellschaft einen Versuch öffentlicher Konzerte. Es war die Geburtsstunde eines Kulturerlebens, das bis heute Bestand hat.
Leipzig: musikalisch an der Spitze deutscher Städte
Schon 1743 etablierten sich in Leipzig die ersten Abonnementskonzerte – die Keimzelle der weltberühmten „Gewandhauskonzerte“. Damit setzte sich Leipzig musikalisch an die Spitze deutscher Städte. Bereits lange zuvor waren hier „Collegia musica“, also regelmäßige Treffen von Berufsmusikern, üblich und hatten sich als wichtige Pflegeorte weltlicher Musik etabliert.
Händel und die Chorleidenschaft Englands
Georg Friedrich Händels Wirken prägte die englische Konzertlandschaft maßgeblich. 1731 erlebte London die ersten öffentlichen Aufführungen seiner Oratorien. Diese fanden bald auch in anderen englischen Städten Anklang, wo eine ausgeprägte Chortradition bereits bestand.
Italien: Akademien als Wiege des Konzerts
Im Geburtsland der neueren Musik, Italien, gab es dank der Akademien schon im 17. Jahrhundert ein reges, von höfischer Musik unabhängiges Konzertleben. Akademien waren Vereinigungen von Künstlern, Wissenschaftlern und kunstbegeisterten Laien, die sich in allen führenden Städten der Renaissancezeit formierten. Sie widmeten sich auch der Instrumentalmusik, die in ihren Reihen konzertiert wurde. Darüber hinaus war es üblich, dass reisende Musiker in Kirchen auftraten, oft auch mit weltlichen Werken.
Berlin: Der lange Weg zur Sing-Akademie
In Berlin versuchte Johann Friedrich Reichardt 1771, Abonnementskonzerte im Stil der Pariser „Concerts spirituels“ zu etablieren. Doch erst die Gründung der „Sing-Akademie“ im Jahr 1790 wurde von bleibender Bedeutung für Berlins Musikleben. Diese erste Chorvereinigung wurde bald zum Vorbild für ähnliche Gründungen in allen größeren deutschen Städten. Gegründet wurde sie vom Cembalisten Friedrichs des Großen, Johann Friedrich Fasch. Unter seiner Leitung wurden zunächst A-cappella-Werke aufgeführt und 1794 erstmalig ein Oratorium öffentlich präsentiert.
Der Beginn des Virtuosentums
Im 19. Jahrhundert erhielten reisende Virtuosen, Sänger und Instrumentalisten, erstmalig die Gelegenheit, in Zusammenarbeit mit Musikvereinen in den großen europäischen Städten aufzutreten. Der Künstler musste sich zunächst der Mitwirkung eines Liebhaberorchesters versichern, das oft auch den Konzertsaal, meist in einem größeren Gasthaus, zur Verfügung stellte. Ein Konzertabend begann typischerweise mit einem einleitenden Orchesterstück, gefolgt von einem Konzert des Virtuosen mit Orchesterbegleitung. Danach erst folgten virtuose Solostücke, bevor der Abend mit freiem Improvisieren über bekannte Themen endete. Erst Liszt und Paganini gelang es, diesen Zwang zur Orchesterbegleitung zu brechen: Diese gefeierten Virtuosen des 19. Jahrhunderts konnten es sich leisten, ihre Abende ohne Orchester zu gestalten.
